Rückblick auf einen Gesprächsabend mit Gabriel Yoran über smarte Kaffeemaschinen, die Simulation von Fortschritt – und die Grenzen moderner Konsumkritik

Früher war vieles besser

d'Lëtzebuerger Land vom 06.03.2026

Es gab diesen Moment am vergangenen Donnerstagabend in der Abtei Neumünster, in dem die kollektive Frustration des Publikums in ein fast schon befreiendes Gelächter umschlug. Auf Einladung des Institut Pierre Werner (IPW) sprach der Unternehmer und Autor Gabriel Yoran im Dialog mit Christophe Langenbrink über Kaffeemaschinen. Genauer gesagt: über 2 000 Euro teure Kaffee-Vollautomaten, die sich per Smartphone-App bequem vom Sofa aus bedienen lassen – nur um dann festzustellen, dass man unweigerlich trotzdem jemanden in die Küche rufen muss, der eine Tasse unter den Ausguss stellt...

Yoran liefert an diesem Abend in pointierter Weise das Anschauungsmaterial für eine ebenso bittere wie verbreitete Erkenntnis: Produkte, die uns heute als modern, digital und fortschrittlich verkauft werden, sind in Wahrheit allzu oft der reinste Krempel! Ob es die Samsung-Waschmaschine ist, die zur Feier des beendeten Schleudergangs unaufgefordert 30 Sekunden lang Schuberts „Forelle“ dudelt, oder der hochmoderne Induktionsherd, dessen Touch-Bedienelemente unbrauchbar werden, sobald das Nudelwasser überkocht, das sündhaft teuere Handy, dessen Bildschirm beim kleinsten Sturz in tausend Stücke zerspringt oder andere geplant obsolet werdenden Technikgadgets – sie zeugen von einem technologischen Fortschrittsparadigma, das die User experience aus dem Blick verloren hat. Sie sind eben Krempel.

Krempel definiert Yoran dabei treffend als „Dinge, die sich selbst ernst nehmen und dabei aber völlig lächerlich sind“. Und sie alle verweisen auf ein geradezu zeitdiagnostisches Paradox: Wir verfügen über eine historisch beispiellose, unfassbar performante Technik, die jedoch in völlig unnötige, teils absurde und mitunter menschenfeindliche Entwicklungen investiert wird. Der Touchscreen im Auto oder am Herd ist in der Herstellung natürlich billiger als mechanische Schalter. Dass er die kognitive Belastung des Nutzers erhöht und haptisches Feedback – eine evolutionär tief verwurzelte Orientierungshilfe – eliminiert, wird als unvermeidlicher Kollateralschaden der „Digitalisierung“ hingenommen. Wenn aber nicht einmal mehr die banalsten Dinge unseres Alltags im wahren Wortsinn fortschrittlich sein können, was sagt das eigentlich über unser Verständnis von Fortschritt und unseren Zukunftsglauben aus? Warum all der Unsinn?

Die Antwort auf diese Frage führt unweigerlich in die Maschinenräume unseres Wirtschaftssystems. Es ist die innere Logik der kapitalistischen Marktwirtschaft, die diesen Krempel geradezu zwingend hervorbringt. Ein System, das auf stetiges Wachstum und permanenten Konsum angewiesen ist, muss ununterbrochen neue Bedürfnisse generieren und befriedigen – vollkommen unabhängig davon, wie absurd diese sein mögen. Weil Waschmaschinen heute beim Schleudern nicht mehr durchs Badezimmer wandern, Staubsauger weitestgehend ausentwickelt sind und es eben auch längst genug funktionierende Kaffeeautomaten auf dem Markt gibt, wird der Fortschritt schlichtweg simuliert, um den nächsten Kaufanreiz zu schaffen. Der Kapitalismus, so merkt Yoran scharfsinnig an, kennt keine Moral der Dinge; sein einziger Maßstab ist die Verwertbarkeit auf dem Markt.

Dabei offenbart sich eine fatale Rollenumkehr zwischen Mensch und Objekt. Ein Werkzeug zeichnet sich historisch dadurch aus, dass es dem Menschen geräuschlos dient: Der Spaten in meinem Schuppen steht mir zur Verfügung, wenn und wann ich ihn brauche – ansonsten existiert er stumm vor sich hin. Die „smarten“ Dinge, die uns heute umgeben, fordern jedoch aktiv unsere ständige Aufmerksamkeit. Sie verlangen nach Updates, Registrierungen und WLAN-Verbindungen. Yoran nennt das treffend „Digitalisierung als Outsourcing an die Kundschaft“. Wir sind längst zu den dienenden Werkzeugen unserer eigenen Besitztümer geworden.

Spätestens an diesem Punkt drängt sich eine essenzielle philosophische Frage auf, die das aktuelle Wirtschaftssystem aus reinem Selbstschutz niemals stellen darf: Sind all diese artifiziell erzeugten Bedürfnisse eigentlich legitim? Und an welchem menschlichen Maßstab ließe sich die Legitimität von Bedürfnissen überhaupt bemessen? Wer den Drehknopf zurückfordert, gilt schnell als reaktionärer Technikfeind. Doch das Gegenteil ist der Fall: Es zeugt von einem emanzipierten Umgang mit Technologie, wenn man erkennt, dass nicht alles, was digitalisiert werden kann, auch digitalisiert werden muss. Sympathisch an Yorans Analyse ist, dass sie eben nicht in eine weinerliche, romantische Nostalgie verfällt. Yoran fordert keine Rückkehr in eine imaginierte „gute alte Zeit“, sondern einen besseren, einen ernsthaften Fortschritt in der Gestaltung unseres Alltags. Wirklich fortschrittlich, so sein Plädoyer, wären Dinge, die nachhaltig, energiesparsam, reparierbar und robust sind. Solange die Hersteller „Fortschrittlichkeit“ allerdings nur in den steigenden Absatzzahlen suchen statt in der Qualität der Dinge selbst, bleibt es bei der inflationären Produktion von Krempel.

Im Grunde genommen entpuppt sich Yoran an diesem Abend als ein wahrer Objektliebhaber. Er betreibt eine Konsumkritik, die es nicht ausschließlich auf die Wünsche und Sehnsüchte der Leute abgesehen hat, sondern die den Wert des Objekts selbst seziert. Er begreift, dass der moralisch vollkommen einwandfreie, bewusste Konsum heute ein Privileg ist, das man sich zeitlich und finanziell erst einmal leisten können muss. Das differenziert ihn wohltuend von mitunter elitärer Konsumkritik à la Frankfurter Schule und macht sein Buch „Die Verkrempelung der Welt“ (Suhrkamp, 2025) so überaus lesbar und nahbar.

Doch genau hier, in dieser sympathischen Zugänglichkeit, liegt am Ende auch die analytische Schwäche seiner Position. Seine Kritik kratzt letztlich nur an der Oberfläche. Yoran deutet die logischen Konsequenzen seiner Bestandsaufnahme zwar immer wieder an: Er plädiert für eine stärkere staatliche Normung, fordert vehement, die Hersteller endlich in die Pflicht zu nehmen, anstatt die moralische Verantwortung (und die damit verbundene Arbeit) allein auf den erschöpften Konsumenten abzuwälzen, und er kritisiert jene illusorischen Bedürfnisse, die das menschliche Leben um keinen Deut wertvoller machen. Aber den letzten, eigentlich zwingenden Schritt wagt er nicht zu gehen. Denn eine konsequente Konsumkritik kann am Ende nicht ohne eine grundlegende Kritik an den ökonomischen Strukturen auskommen, die diesen Konsumzwang überhaupt erst hervorbringen. Konsumkritik muss auch Kapitalismuskritik sein. Die tiefere Infragestellung einer Marktlogik, die unsere Zeit, unsere Aufmerksamkeit und letztlich unsere Lebensqualität einer unerbittlichen Verwertungslogik unterwirft – und uns dadurch von uns selbst entfremdet –, blieb an diesem Abend in der Abtei Neumünster ausgespart. Yoran seziert virtuos die Absurditäten der Symptome, verschont dabei aber das dahinterliegende System. Das ist, bei all dem berechtigten und befreienden Gelächter über smarte Kaffeeautomaten, am Ende doch bedauerlich.

Lukas Held
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