Langstreckenlaufen wird immer beliebter. Gerade kleinere Rennen wie der ING Marathon

Das große Lauffest

d'Lëtzebuerger Land du 15.05.2026

Applaus und Pop-Musik hallen an einem sonnigen April-Sonntag durch Greenwich, eine malerische Ortschaft im Südosten Londons. In den umliegenden Bahnhöfen steigen Hunderte aus den Zügen und begeben sich in Richtung Flussufer. Viele haben selbstgemachte Schilder dabei, manche tragen Glitzer-Make-Up und lustige Kopfbedeckungen.

Hier findet kein Musik-Festival statt, sondern der London Marathon, eines der berühmtesten Straßenrennen der Welt. Während die Läufer/innen am Cutty Sark, einem Klipper aus dem 19. Jahrhundert vorbeilaufen, werden sie von Tausenden Zuschauern gefeiert. Greenwich liegt am zehnten Kilometer des Marathons, es ist die erste große Party der Strecke. Wer als Zuschauer ganz vorne an die Sicherheitsabsperrungen will, muss früh hier sein.

Wer beim Londoner Marathon mitlaufen will, muss Glück haben. Die Startnummern werden durch ein Lotterie-System vergeben, bei dem die Chancen jedes Jahr kleiner werden. Für die rund 20 000 Startplätze der Ausgabe von 2026 hatten sich mehr als eine Million Menschen angemeldet. Für die nächste Ausgabe versuchen 1,3 Millionen ihr Glück. Das ist ein erneuter Weltrekord.

Ein wichtiger Teil des London Marathon ist die Spendensammlung. Sie bietet eine weitere Möglichkeit, am Rennen teilzunehmen. So konnte sich auch Wayne Codd, der in Luxemburg lebt, seinen Traum vom London Marathon erfüllen.

Er lief für die Organisation Cancer Research UK und hatte sich verpflichtet, mindestens 2 500 Pfund für sie zu sammeln. „Weil es um Krebsforschung geht, sind sehr viele Menschen betroffen. Viele haben Familienmitglieder oder Freunde, die betroffen sind, oder sind selbst betroffen. Deshalb haben viele reagiert und wollten diese Organisation ebenfalls unterstützen“, sagt Wayne Codd.

Wenn es mit der Lotterie und den Wohltätigkeitsorganisationen nicht klappt, kann man sich an Reiseveranstalter wenden, die auf solche Sportveranstaltungen spezialisiert sind und garantierte Startnummern im Rahmen von Reisepaketen anbieten. Je nach Rennen können die Kosten dafür mehrere tausend Euro betragen.

Guido Kröger ist ein begeisterter Läufer und Mitbegründer von FatBetty.Run, einer der bekanntesten Laufgruppen Luxemburgs. Er gründete Endorphin.tours für Sportler/innen, die gerne an Rennen im Ausland teilnehmen. „Bei mir ist es klein, die Leute kennen sich. Es geht darum, eine gute Zeit zu haben. Ich nehme den Leuten ein bisschen den Stress weg, so dass sie sich auf den Lauf konzentrieren können“, so Kröger. Ein viertägiges Angebot zum beliebten Valencia Halbmarathon war in kurzer Zeit ausverkauft. „Der Laufsport geht momentan komplett durch die Decke“, sagt er.

Das Langstreckenlaufen ist besonders beliebt. Für den ING Marathon, der am Samstag in der Hauptstadt stattfindet, haben sich dieses Jahr 18 000 Läufer/innen eingeschrieben, ein Rekord. An der ersten Ausgabe 2006 nahmen 6 000 Menschen teil. „Früher war das etwas für Spezialisten, heute ist es ein Volkssport geworden“, so Erich François, Gründer und Geschäftsführer von step by step S.A., dem Veranstalter des ING Marathons.

An ein Lotterie-System denkt der Organisator allerdings nicht. „Wir lassen jedes Jahr nur eine bestimmte Anzahl an Läufer zu, und müssen einfach mal sehen, wie sich das entwickelt“, erklärt Erich François. „Wir hätten dieses Jahr noch zweitausend Leute mehr nehmen können“, schätzt er. Man habe sich aber dagegen entschieden. „Wir wachsen halt immer schrittweise“, sagt er.

Es ist der Traum vieler, an allen Abbott World Majors teilzunehmen - das sind die prestigiösen Marathonläufe von Tokio, Boston, London, Sydney, Berlin, Chicago und New York. Andere sammeln die Medaillen der Superhalfs von Lissabon, Prag, Berlin, Kopenhagen, Cardiff und Valencia.

Kleinere Rennen sind momentan sehr beliebt, da sie wesentlich billiger und leichter zugänglich sind. Unter den vielen Angeboten sticht Luxemburgs ING Marathon nicht nur durch den Abendstart hervor, sondern durch seine besondere Atmosphäre. Mehr als 70 Bands treten dieses Jahr entlang der Strecke auf, die mit Samba, Jazz und Elektro den Läufer/innen einheizen. Was auch Zuschauer und Feiernde anzieht. „Neben dem Nationalfeiertag ist der Marathon das größte Fest in Luxemburg“, so Erich François.

Die Organisation verlief jedoch nicht ganz ohne Rückschläge. Es gilt ein Flugverbot für Drohnen, der auch die Veranstalter betrifft. Nebelmaschinen dürfen am Ziel wegen Brandschutzbestimmungen nicht benutzt werden, und eine Aktion von Slackline-Athlet Archie Williams, der während dem Marathonlauf auf einem Seil zwischen Hochhäusern auf dem Kirchberg balancieren sollte, musste kurzfristig abgesagt werden. „Es wird immer schwieriger, in Luxemburg Veranstaltungen zu machen“, findet Erich François. „Ich bin sehr froh, dass die Stadt hinter mir steht, sonst wäre es komplizierter.“

Für Läufer/innen ist vor allem die Unterstützung der Menge sehr wichtig. Das weiss auch Guido Kröger. Zusammen mit FatBetty.Run organisierte er auch dieses Jahr wieder eine Streetparty nahe der Philharmonie. Die Läufer/innen des Halbmarathons haben an diesem Punkt rund 17,7 Kilometer zurückgelegt, die des Marathons sogar 37,7 Kilometer. „Also dort, wo die Leute einen Schub gebrauchen können“, analysiert Guido Kröger. Die Enovos Phil’ Station verspricht DJs, Konfetti-Kanonen und Flammenwerfer. Auch ein kostenloses Bier gibt es für Läufer/innen kurz vor der Ziellinie. „Wir stehen wirklich bis zum allerletzten Läufer da. Wenn der Besenwagen kommt, machen wir für die letzten Ankömmlinge noch einmal eine riesige Party. Dann schafft man das zusammen“, so Guido Kröger.

Es gibt wenige Hobbys, bei denen man von Tausenden Menschen, von Konfetti-Kanonen und Flammenwerfern angefeuert wird. Für Ella Connolly, die am Samstag auch am Start stehen wird, ist das Marathonlaufen einzigartig. „Man fühlt sich für einen Tag wie ein Superstar“, sagt sie. „Aber vor allem spürt man, dass man dazugehört, zu all diesen Läufern, auch wenn man eigentlich alleine läuft.“ Dieses Gefühl der Zugehörigkeit sei „etwas ganz Besonderes“.

Claire Barthelemy
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