In unserem Umgang mit der Architektur der 70er-Jahre spiegelt sich die stetige Veränderung unseres Denkmalkonzepts wider.

Fehler der Zeit

d'Lëtzebuerger Land vom 06.03.2026

„Ihr seid die Kirche von Differdingen! … auch wenn es das Gebäude nicht mehr gibt“, tröstete Erzbischof Hollerich die versammelten Gläubigen, als er 2010 die baufällige Kirche Notre-Dame des Douleurs in Differdingen in einer Zeremonie entweihte. Sechzehn Jahre später steht nun ein weiteres Wahrzeichen in der Avenue Charlotte vor dem Abriss: Das Rathaus aus den 60er-Jahren, dessen Renovierung aufgrund aufgedeckter Baumängel gestoppt wurde. Die Zukunft des in den 70er-Jahren entworfenen Centre Marcel Noppeney bleibt derweil ungewiss. Während die Stadt Differdingen aufgrund hoher Renovierungskosten und struktureller Mängel gegen den Denkmalschutz kämpft, setzt sich das staatliche Denkmalpflegeamt INPA für den Erhalt des Gebäudes ein. Direktor Patrick Sanavia argumentierte, dass die Originalität dieser wenigen noch erhaltenen Bauten den Denkmalschutz rechtfertige, auch wenn sie auf den ersten Blick noch jung erscheinen. Sanavia brachte sogar staatliche Zuschüsse ins Spiel. Auch das Luxembourg Center for Architecture (Luca) unterstützt die Entscheidung des Kulturministeriums, dieses Gebäude als nationales Kulturdenkmal zu klassifizieren. Doch kaum eine Architekturepoche dürfte es schwerer haben, die Menschen von ihrem Erhalt zu überzeugen als die 70er-Jahre.

Das von Groupe Tetra entworfene Centre Culturel Marcel Noppeney in Differdingen wirkt wie ein Relikt jener Epoche. Schon die äußere Erscheinung erzählt davon: Fern jedes gläsernen Transparenzpathos haben wir es hier mit einer robusten, fast spröden Komposition aus Backsteinvolumen zu tun, die sich wie gezackte Körper aneinanderfügen. Und dann diese Fensterrahmen in leuchtendem Orange… Ein Farbton, der wie ein Echo der damaligen Aufbruchsstimmung wirkt. Er setzt Akzente im Braun des Ziegels, markiert Übergänge und betont Schwellen. Im Inneren: weiße, unverkleidete Ziegelwände, eine sichtbare Dachkonstruktion. Eine Architektur, die nichts verbergen will, weder ihre Struktur noch ihre Zeit. Stattdessen: funktionale Ehrlichkeit. Die architektonische Haltung jener Zeit verdichtet sich im großen Veranstaltungsraum zu einer beinahe didaktischen Klarheit. Über den Köpfen spannt sich ein Geflecht aus rot lackierten Stahlträgern. Technik ist hier nicht versteckt, sondern Teil der Ästhetik. Lüftungsrohre in kräftigem Blau, Leitungen: Alles zeigt sich, alles bekennt sich zur Funktion. Und gerade in dieser Zurückhaltung liegt auch die Würde dieses Gebäudes als Manifest einer Zeit, die wie schon Le Corbusier daran glaubte, dass Gemeinschaft gebaut werden kann.

Ein Gericht wird jetzt entscheiden, ob das Gebäude, das zuletzt als Geflüchtetenunterkunft diente und lange Jahre als Kulturzentrum unter dem 2018 verstorbenen LSAP-Schöffen, Schriftsteller und ehemaligen Direktor des Nationalarchivs Cornel Meder genutzt wurde, weiterhin erhalten bleibt oder abgerissen wird. Die derzeitigen Denkmalschützer kümmert es wenig. Da sie in der Regel in den 70ern ihre erste architektonische Traumatisierung erlebt haben, verbinden sie neue Architektur vor allem mit Kahlschlag und dem Verlust des Gewohnten, mit der Zerstörung der historischen Substanz und dem tektonisch gegliederten Brutalismus eines Paul Retter, mit sich regelmäßig wiederholenden Fensterachsen und plastisch hervortretenden Elementen aus Sichtbeton, wie etwa beim Forum Royal-Gebäude. Retter kann man aber auch für seine eleganten Wohnhäuser am Anfang der Avenue Guillaume lieben, ihre klare Strenge und ausgesuchten Materialien, aus denen sich Räume ergeben, in denen die Moderne noch erlebbar ist. Selbst am Boulevard Royal gibt es Zeugnisse leiser Poesie, wie die nüchterne Lobby der Résidence de Rome in der oberen Avenue Pescatore, entlang der Badeanstalt gelegen: Großflächig eingefasst durch Glasfenster, inszeniert sie einen transparenten Zwischenraum zwischen öffentlicher Straße und privatem Rückzug.

Fährt man nordwärts aus Dommeldange, erhebt sich oberhalb der geneigten Satteldächer der Echternacherstraße linkerhand die Siedlung Terrasses de l’Europe. Als kaskadierende Mauer, die den Hang verlängert, kämpft sie sich wie eine Sprungschanze dem Himmel entgegen. Es ist das Relikt einer anderen Zukunft. Einer Zukunft, die einst verheißungsvoll war, heute jedoch den matten Charme der 1970er-Jahre trägt: seriell, monumental und ein wenig trotzig gegen die Topografie gesetzt. Das Pastell der Fassaden wirkt wie ein verblasster Gruß aus der Ära der Ölkrise, als man noch hoffte, soziale Utopien in Waschbeton gießen zu können. Balkone reihen sich in strenger Geometrie aneinander: Jedes Geländer ein Versprechen auf Sonne, Weitblick und standardisierte Lebensqualität. Von unten betrachtet, scheint die Siedlung beinahe zu schweben: ein Zwischenreich, fast aristokratisch. Tatsächlich gehen die Ursprünge der Siedlung auf die Familie Collart zurück, die im gleichnamigen Schloss am Fuße des Hangs lebte. Mit der Entwicklung des familieneigenen Areals wurde das Kölner Atelier Neufert beauftragt.

Von der gegenüberliegenden Seite oder von vorne betrachtet, bietet sich ein weitaus ruhigeres Bild: Ein Gebäude, das sich wie ein Oceanliner, bereit zur Abfahrt, erhebt. Ein Universum, ein Zukunfts-Container aus geometrischen Formen. Die horizontale Struktur, die sich in regelmäßigen Etagen abzeichnet, verleiht dem Gebäude einen ruhigen Rhythmus, der die Zeit in langsamen, gleichmäßigen Schritten misst. Es ist eine Architektur, die einerseits von Ordnung und Verlässlichkeit spricht, von Stabilität – der andererseits aber auch eine architektonische Unruhe innewohnt: eine Aufbruchsstimmung, wie sie die anvisierte Klientel bereits aus dem Ausland kennt: „Une résidence érigée par des Européens pour des Européens“, wie eine Werbung für die letzten freien Wohnungen im Luxemburger Wort von 1978 festhält.

Neben der Entwicklung des Bankplatzes boten die 1970er-Jahre der wachsenden Europäischen Gemeinschaft für Luxemburg die Chance, sich als bevorzugter Standort zu etablieren. Dies führte „[n]ach dem Beitritt Dänemarks, Irlands und Großbritanniens“ zu bedeutenden Bauprojekten, um „die hohe Nachfrage nach Wohnungen für europäische Beamte“ zu decken, wie Historiker Robert L. Philippart in Lëtzebuerg Moderne (2015) erinnert. Auf dem Kirchberg, gegenüber den Terrasses de l’Europe, liegt, weiter unten auf der Höhe des Funikuläres, in einem Waldstück versteckt, ein komplexes und weitläufiges Gebäude. Mit seinen langen, geschwungenen Linien, die sich durch die Landschaft schlängeln, wirkt es wie ein riesiger Baumstumpf, der sich in die Hügel und das Grün der Umgebung hineinwebt. Es ist mehr als nur ein Bauwerk. Die Architektur wirkt weniger wie eine stählerne Struktur, die den Boden beherrscht, sondern eher wie eine ergänzende Erweiterung der natürlichen Gegebenheiten. Architekt Sir Denys Lasdun bestand darauf, dass der heutige Westflügel der Europäischen Investitionsbank (EIB) die umliegenden Bäume in Höhe nicht überschreiten sollte.

Im Sog der Zeit ist der Denkmalbegriff längst aus den festgefügten, historischen Fesseln befreit. Da jede Generation ihre eigenen Spuren hinterlässt, steht die Frage im Raum: Wie jung kann ein Denkmal sein? Während jahrhundertealte Gebäude als Zeitzeugen längst ihren Platz im Kanon der Kulturgeschichte gefunden haben, steht die Architektur der Nachkriegsmoderne noch immer auf der Schwelle des Gedächtnisses. Sie ist der stille Beobachter eines bewegten Jahrhunderts, das sich sowohl in den Prachtbauten als auch in den funktionalen Strukturen widerspiegelt. Die Türme der Moderne (Tour Alcide De Gasperi), die brachiale Schönheit einer Plattenbau-Siedlung (Lallingen), die schnörkellosen, doch durchaus mutigen Kirchenbauten (Saint-Joseph-Kirche in Zessingen) – sie sind heute allzu oft nur Symbole des vermeintlich Überkommenen. Doch was, wenn sie mehr sind? Was, wenn sie die stillen Denkmäler der Gegenwart darstellen, deren Bedeutung noch nicht vollends erfasst wurde?

In Konturen und Konjunkturen der Denkmalpflege (2018) geht die Historikerin und Denkmalpflegerin Ingrid Scheurmann diesen Fragen nach. Denn auch Bauten, die nur wenige Jahrzehnten alt sind, können von historischer Bedeutung sein – vorausgesetzt, man betrachtet sie durch die Linse der kulturellen Relevanz und nicht der Funktionalität. Hier geht es nicht nur um das Alter, sondern um die Essenz dessen, was ein Gebäude zur kulturellen Identität einer Zeit beiträgt. Der Architekturkritiker wird heute nicht mehr nur von der Frage geleitet, wie gut ein Gebäude im Kontext seiner Zeit steht, sondern auch davon, ob es in der Zukunft als Ausdruck seiner Epoche gelten wird. Der Gedanke an Architektur als fortlaufenden Dialog zwischen Ästhetik, Technik und Gesellschaft öffnet dabei Türen, die in der Vergangenheit längst als abgeschlossen galten.

Der Prüfstein für die Auswahl dieser Denkmäler ist dabei nicht das bloße Alter, sondern die Bedeutung und das innovative Potenzial eines Gebäudes. Doch inmitten der Würdigung bleibt die drängende Frage: Wie geht man mit den widersprüchlichen Ansprüchen an moderne Architektur um? In Zeiten von Energieeffizienz und ökonomischem Druck kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen Erhalt und Veränderung. Meist gewinnt nicht der Pullover, sondern der Bagger; dabei ist ein Abriss noch ineffizienter, und die freigesetzte graue Energie – neben dem kulturellen Verlust – ein wahres Desaster.

Ein Gebäude, das heute als schutzbedürftig betrachtet wird, könnte morgen schon einem Abriss weichen, wenn die pragmatischen Anforderungen des Marktes dies verlangen. Doch dieser „Fehler der Zeit“ kann die Gesellschaft teuer zu stehen kommen, wenn man nicht erkennt, dass auch die Architektur von gestern ihre Geschichten erzählt. Die Architektur der Nachkriegszeit, mit ihren experimentellen Formen, Materialinnovationen und visionären Ansätzen, hat oft das gespaltene Verhältnis von Funktionalität und Schönheit in einer durch den Krieg zerrütteten Welt verkörpert. Und sie hat uns, Ingrid Scheurmann zufolge, mit einer Aufgabe zurückgelassen: Sie fordert uns heraus, uns zu fragen, was von heute in den kommenden Jahrhunderten als Kulturdenkmal überleben könnte. So wird aus der reinen Wissensvermittlung ein kultureller Appell. Der Dialog zwischen der Moderne und der Denkmalpflege ist nicht abgeschlossen – er ist im Gegenteil von ständigem Wandel geprägt. Der moderne „Tempel“ ist eben nicht nur ein Bauwerk, sondern ein lebendiger Zeuge, der nicht durch seine steinerne Materie allein, sondern durch die Geschichte, die er erzählt, durch die Leben, die er beherbergt hat, an die Unsicherheiten der Vergangenheit und die Unvorhersehbarkeit der Zukunft erinnert.

Frédéric Braun
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