Abwechselnd umgeben von Schülern, Arbeitnehmern und krawattentragenden Unternehmern tritt Luc Frieden in einem Werbevideo in drei verschiedenen Rollen auf: als CSV-Premier, als Forscher und als Weltraumfahrer. Das Video wurde am Mittwoch im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt, bei der die Partnerschaft zwischen dem luxemburgischen Staat und dem europäischen KI-Hoffnungsträger Mistral erläutert wurde. Die Pressesprecherin des Premiers, Stéphanie Bodoni, hatte ihreseits adrette Kleidung gegen einen Hoodie eingetauscht, auf dem das Logo der Kampagne prangte – der Roboter Lumi. Dieser erinnert durch sein rundes, niedliches Erscheinungsbild an einen Teletubbie. Das dürfte kein Zufall sein, denn Frieden möchte seine Kampagne Ai4Lux als eine (harmlose) Revolution „am Dingscht vum Mënsch“ verstanden wissen. Lumi stehe für „intélligence, innovation, lumière“, so Frieden, der die Konferenz Französisch abhielt, gemeinsam mit dem dem aus Paris angereisten Mistral-Gründer Arthur Mensch.
Luxemburg sei dabei, sein „KI-Ökosystem“ auszubauen, um „Lëtzebuerg ze stärken“. Bald soll allen Beamten des öffentlichen Dienstes ein Chatbot zur Verfügung stehen, der ihnen hilft, schneller Informationen aus Dokumenten zu extrahieren. Ein auf die Legilux-Seite zugeschnittener Chatbot wird demnächst Gesetzestexte gezielter durchforsten; ein Dienst,der sich auch an Unternehmen und Bürgern richtet. Außerdem arbeite man mit Mistral an einem Projekt, um durch Patientendaten die personalisierte Medizin voranzubringen. Dabei erlaube es Mistral, seine KI-Systeme auf der hiesigen staatlichen Infrastruktur laufen zu lassen, was die „strategische Autonomie stärke“, so die Botschaft am Mittwoch. In dem Werbevideo präsentierte Frieden das Partenariat als „weltwäit eenzegaarteg“. „Il faut être fier“, sagte Frieden über die Kooperation, die sich der Staat 40 Millionen Euro auf drei Jahre verteilt kosten lässt. Seinen potenziellen Wählern kann Frieden nun vermitteln, dass er als moderner Premier mit Unternehmergeist auf ganzer Linie Pionierarbeit geleistet habe.
Dazu passt auch, dass er am Mittwoch im Learning Center auf Belval fast schon überschwänglich meinte: „Je suis vraiment fasciné par cette évolution technologique.“ Hier in Esch-Alzette blicke man „auf die Arbed, ein Schmuckstück der europäischen Industrie, und hier um mich sind Bücher, die die neue Evolution alimentieren“. Die Gesellschaft befinde sich in Bewegung. Um die Details seiner KI-Ambitionen kümmern sich jedoch hohe Beamte. Fragt man, wie viele Beschäftigte das Büro von Mistral hierzulande zählt und ob eine Kooperation mit der Uni.lu existiert, antwortet Frieden: „Do musse mer de Bob ruffen.“ Dieser weiß, dass aktuell nicht mehr als vier Leute hier arbeiten, ein Doktorand des SNT bei Mistral forscht und das Unternehmen gewillt ist zu expandieren. Im Internet findet man tatsächlich einige Monate alte Stellenanzeigen von Mistral für neue Mitarbeiter/innen, die als „Bindeglied zwischen Kunden und den internen Teams von Mistral fungieren“ sollen. Manche Sätze von Arthur Mensch klangen denn auch wie ein Investor Call. So erläuterte er, Mistral sei offen für Kunden aus der Privatwirtschaft, wie etwa Banken. Offenbar will Menschs Unternhemen neue Dienstleistungen für den Finanzsektor entwickeln. Während der Politiker Frieden die Pressekonferenz jedoch als Selbstvermarktungsgelegenheit nutzte und den Dialog mit dem Publikum suchte, schien der promovierte Mathematiker Arthur Mensch eher gelangweilt, er scrollte am Handy und wandte den Blick ab..
Der öffentlich stets als Technooptimist auftretende Luc Frieden sagte am Mittwoch jedoch in einem Nebensatz, er werde nächste Woche mit dem Unternehmerverband und den Gewerkschaften an einem „KI-Dësch» zusammenkommen, um über die Auswirkungen der neuen Technologien auf die Arbeitswelt zu diskutieren. Inwiefern die Regierung die Sorgen der Arbeitnehmenden „ernst nehme“, wollte die CSV-Süd-Abgeordnete Françoise Kemp bereits am Tag vor der Pressekonferenz wissen. Und am Montag hatte Reporter berichtet, dass Finanzminister Gilles Roth in einem internen Schreiben Neueinstellungen beim Staat „auf ein absolutes Minimum“ beschränken möchte und zur „Verbesserung der Effizienz“ durch KI-Lösungen aufruft.