Festschrift für den Bahnhof

Damals wie heute

d'Lëtzebuerger Land du 04.01.2013

Rund 230 Seiten dick ist die Festschrift, welche die CFL zum Anlass des Hundertjährigen der hauptstädtischen Gare herausgegeben haben. 100 Joer Gare Lëtzebuerg 1912-2012: Eine einmalige Zeitreise führt in 20 Kapiteln durch die Geschichte des Bahnhofs. Angefangen bei der Planung, die anhand von Artikeln des vor Jahren verstorbenen Paul Reinert, ursprünglich in Transport, dem Mitteilungsblatt des Syprolux erschienen.
Reinert zeichnet darin die Suche nach dem geeigneten Standort für den Bahnhof nach; wegen der bei Planungsbeginn noch bestehenden Festungsanlagen, kein leichtes Unterfangen. Diesem Holzbau, 1859 in Betrieb genommen, folgte die Planung des heutigen Steinbaus, 1912 fertiggestellt. Die Planung, die Suche nach dem geeigneten Bauunternehmer, dem richtigen Baumaterial (Ernzener und Gilsdofer Stein), den Ablauf der Arbeiten beschreibt ein weiterer Artikel Paul Reinerts. Die vielen alten Fotos, Postkarten und Pläne, die zeigen, wie es damals am Bahnhof zuging, sind ein Bonus.
Im Lichte der auch 2013 immer noch aktuellen Diskussion über die Landesplanung allgemein und die Rolle von Immobilienpromotoren insbesondere ist der Beitrag von Robert L. Philippart Une ville rejoint sa gare von ganz besonderem Interesse. Philippart legt dar, wie die Regierung, die Urbanisierung des durch die Schleifung der Festung freigewordenen ehemaligen Kasernengeländes  auf dem Plateau de Bourbon plante und vorantrieb. Wie sollten Oberstadt auf der einen Seite des Petrustals und der Bahnhof auf dem Gelände der Gemeinde Hollerich miteinander verbunden werden? Zu berücksichtigen war dabei neben der Straßenführung der künftigen Avenue de la Liberté die Problematik der Grundstücksspekulation sowie die Konkurrenzsituation zwischen den Geschäften der Oberstadt und dem Gewerbe, das in Bahnhofsnähe angesiedelt werden sollte. Das Einzelhandelssterben in der Innenstadt durch Konkurrenz auf der grünen Wiese – damals wie heute ein aktuelles Thema.
Bahnenthusiasten werden die Einführungen in den Bahnjargon freuen. Wie auch die Ausführungen von Charles-Léon Mayer, ehemaliger beigeordneter Bahndirektor, der die Umstellung auf den elektrsichen Bahnbetrieb im nüchternen Ton eines Eisenbahners beschreibt. Laien wird dabei einfach überraschen, wie spät die Nordstrecke der Luxemburger Bahn auf Strom umgestellt wurde, und beeindrucken, wie kompliziert sich die Situation am Bahnhof Luxemburg aufgrund seiner Lage als Knotenpunkt zwischen den deutschen, belgischen und französischen Systemen – mit jeweils anderen Stromnetzen – präsentierte. Fast jeder kennt die Joseph-Junck-Straße, die vor dem Bahnhofsplatz Richtung Hollerich führt. Aber wer weiß schon, wer Joseph Junck war? Ein Kapitel ist den Vorstehern des Bahnhofs Luxemburg gewidmet, darunter Joseph Junck, der diesen Posten 50 Jahre besetzte.
Die mehrseitige Bilderstrecke mit Fotos von Wolfgang Osterheld aus den Achtzigern und frühen Neunzigerjahren ist eine Reise zurück in die Zeit, als Dauerwellen nichts Ironisches hatten und der Bahnhof noch stärker als der Flughafen Ausgangs- und Ankunftspunkt längerer Urlaubsreisen war und deswegen nicht nur Jugendliche, Senioren, Idealisten und die, sie sich kein Auto leisten können, die Bahn als regelmäßiges Transportmittel nutzen.

100 Joer Gare Lëtzebuerg 1912-2012: Eine einzigartige Zeitreise; ISBN 978-2-87954-256-0
Michèle Sinner
© 2017 d’Lëtzebuerger Land
Partager cette page sur

à la une

Lire aussi …

Michèle Sinner
Catégories: Chemins de fer
Édition: 04.01.2013
„Flang“. Es ist immer ein guter Start in den Tag, wenn einem früh morgens auf dem Weg zur Arbeit am hauptstädtischen Bahnhof eine der riesigen Flügeltüren mit voller Wucht entgegenschwingt. Das geschieht natürlich hauptsächlich dann, wenn man die …
Jean-Luc Karleskind
Catégories: Histoire contemporaine
Édition: 22.11.2012
L’éclatement de la bulle immobilière en 2007 aux États-Unis d’abord, suivis par l’Irlande, l’Espagne et le Royaume-Uni, a mis en évidence des mécanismes auxquels le public d’habitude s’intéressait peu. La crise a suscité un intérêt renouvelé ces …
Morgan Meyer
Catégories: Formation professionnelle, Histoire contemporaine, Politique de recherche
Édition: 26.10.2012
Même si au Luxembourg des cours supérieurs existaient depuis le milieu du XIXe siècle et un centre universitaire depuis les années 1970, la création d’une université ne semblait pas se dessiner à la fin du XXe siècle. Cependant, c’est avec une …
Romain Hilgert
Catégories: Histoire contemporaine, Relations sociales
Édition: 24.08.2012
Ein Streik ist der oft noch auf den klerikalen Untertanenstaat zurückgehenden vaterländischen Geschichtsschreibung zutiefst zuwider. Deshalb verstrich Anfang dieses Jahres sogar der 100. Jahrstag des Streiks in der Differdinger Hütte weitgehend …
Romain Hilgert
Catégories: Histoire contemporaine
Édition: 24.08.2012
„Daß die gütertauschende Kraft des Geldes so gering ist, liegt daran, daß man das Geld zu sehr verbessert hat, nämlich verbessert vom einseitigen Standpunkt des Inhabers. Man hat bei der Wahl des Geldstoffes ganz allein an den Käufer gedacht, an …